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Die erste Ausbildung ihres Lebens

October 27, 2017

20 Frauen lernen in Ausbildungszentrum in Rajasthan Schneidern und Nähen


Udaipur – Der Magen knurrt, doch der Geldbeutel ist leer. Zwei Mahlzeiten am Tag müssen reichen, für mehr fehlt schlichtweg das Geld. Lernen fällt vielen Kindern aus den Dörfern im Distrikt Kumbhalgharh im Bundesstaat Rajasthan schwer. Sie können sich entweder nicht konzentrieren oder gehen erst gar nicht zur Schule, weil sie ihren Eltern helfen müssen, Geld zu verdienen. Die Eltern versuchen, sich und die Familie mit Subsistenzlandwirtschaft über Wasser zu halten. Ein festes Einkommen bringt das nicht. Auf der Suche nach Geld und Einkommensquellen machen sich die Väter auf den Weg – raus aus dem Dorf, rein in Großstädte wie den Industriestandort Surat im Bundesstaat Gujarat oder die Weltmetropole Mumbai. Dort arbeiten sie auf Baustellen zu mickrigen Löhnen, in der Hoffnung, dass etwas für die Familie zuhause bleibt. Sie hausen in Slumgebieten, weil die Städte unfassbar schnell wachsen. Ein Wachstum, das sie selbst fördern mit ihrer billigen Arbeitskraft. Eine Perspektive für die Zukunft ist das nicht. Und die Armut der Eltern wird auf dem Rücken der Zukunft ihrer Kinder ausgetragen.

 

 

 


Um den indigenen Frauen aus diesen Familien im Dorf eine Einkommensquelle für ihre Familien zu schaffen, hat Nitya Bal Vikas Deutschland e. V. (NBV) zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Shrushti Seva Samiti aus dem Bundesstaat Rajasthan ein Projekt für diese Frauen gestartet. Seit Anfang Oktober 2017 lernen sie in einem mehrmonatigen Kurs schneidern und nähen. Außerdem bekommen sie grundlegende Kenntnisse im Lesen und Schreiben vermittelt. Denn vielen von ihnen hat der Staat in der Vergangenheit das Recht auf Bildung vorenthalten – sie sind Analphabeten geblieben. Die meisten der Frauen haben noch nicht einmal die nahegelegene Großstadt Udaipur gesehen bisher – den Hauptsitz von Shrushti Seva Samiti.

 

 


NBV hat 2.000 Euro für die Ausbildung von 20 Frauen bereitgestellt, die bis Anfang nächsten Jahres läuft.
Die Räumlichkeiten hat eine pensionierte Lehrerin kostenfrei zur Verfügung gestellt – ein großes Geschenk.

 

 


Unser 1. Vorsitzender Martin Haus hat Mitte Oktober das Projekt in einem Dorf in der Nähe der Großstadt Udaipur besucht. Der Weg dorthin ist holprig. Eine asphaltierte Straße gibt es nicht, Schlaglöcher säumen den Weg. Von Handyempfang ist in diesem abgelegenen Ort im Hinterland Rajasthans nichts zu spüren. Die Menschen leben fast schon abgeschnitten von der Außenwelt.

 

 

 


Martin Haus zeigte sich von der Umsetzung des Projektes unterdessen begeistert. „Die Rahmenbedingungen stimmen, unsere Partnerorganisation setzt das Projekt auf sehr professionelle Art und Weise um“, so Haus. „Die Frauen sind motiviert und freuen sich über die Chance, die erste Ausbildung in ihrem Leben zu erlangen.“

 


Neben dem Projekt traf Haus zusammen mit den Verantwortlichen von Shrushti Seva Samiti sowie Mitarbeitern des Wissenschafts- und Technologieministeriums des Bundesstaates Rajasthan weitere Frauen, für die bald ein Monatsbindenprojekt starten soll.
Das Ministerium hat auf einen gemeinsamen Projektentwurf von NBV und Shrushti hin eine Förderung von rund 70.000 Euro zugesagt für das Projekt, in dessen Rahmen 200 Frauen in der Monatsbindenproduktion ausgebildet werden sollen.
Auch diese Frauen und Mädchen stammen aus armen Verhältnissen, ihre Väter kämpfen darum, als Rikscha-Fahrer oder Teeköche die Familien zu ernähren. Teilweise legen sie täglich eine Strecke von 20 Kilometern zurück, um an dem Projekt teilnehmen zu können.

 

 

 


„Dieses Projekt attackiert neben dem fehlenden Einkommen in der Region ein weiteres drängendes Problem“, erläutert Benjamin Scholz, 2. Vorsitzender von NBV. Denn die Menstruation ist in vielen Gegenden Indiens weiterhin ein Tabuthema. Mangelnde sexuelle Aufklärung und Aberglaube machen die Zeit der weiblichen Regelblutung für viele Mädchen und Frauen zur Hölle. Aus Scham trauen sich Schülerinnen nicht in die Schule, die Familien isolieren Frauen häufig in der Menstruationszeit. Erst kürzlich sorgte der Fall eines zwölfjährigen Mädchens für Aufsehen, das Selbstmord beging, nachdem es sich beim Einsetzen der Blutung an ihre Lehrerin wandte und von dieser öffentlich gedemütigt wurde. (Link: https://www.theguardian.com/world/2017/aug/31/indian-girl-kills-herself-after-alleged-period-shaming-menstruation)


Mithilfe eigens dafür entwickelter und in der Vergangenheit bereits prämierter Maschinen lernen die 200 Frauen bei dem nun geförderten Projekt, ökologische Monatsbinden herzustellen. Zugleich werden sie über den Sinn und Nutzen von Monatsbinden aufgeklärt, um ein Bewusstsein für die Menstruation und ihre Gründe zu schaffen.
„Die umfangreiche Finanzierung dieses Projekts durch das zuständige Ministerium war natürlich eine sehr erfreuliche Nachricht für uns“, resümiert Martin Haus. Aus der Verantwortung für das Projekt sieht sich NBV aber nicht. „Das Projekt ändert nur dann nachhaltig etwas an der Einkommenssituation in den Dörfern, wenn die Frauen anschließend auch Arbeit finden und die Produkte absetzen können“, sagt Benjamin Scholz.


Der Projektentwurf sieht vor, dass die Frauen im Rahmen ihrer Ausbildung auch ein Training in Marketing und Unternehmensführung bekommen. Dennoch benötigen sie im Anschluss an das Projekt in der Anfangszeit realistischerweise weiter professionelle Unterstützung. Hier plant NBV zusammen mit Shrushti anzusetzen. Gleichzeitig strebt NBV an, die Frauen aus dem derzeit laufenden, eigenen Projekt in die nächste Phase zu integrieren.
„Wir werden das Projekt mitverfolgen und mit Shrushti diskutieren, wie wir den Frauen im Anschluss einen Übergang in den beruflichen Alltag ermöglichen können“, erklärt Benjamin Scholz. Beiden Organisationen schwebt zurzeit der Aufbau eines nicht-profitorientierten Sozialunternehmens vor, das den Frauen zugleich ein sicheres Einkommen garantiert und ihnen Zugang zu Absatzmärkten verschafft.


In die Betriebs- und Produktionsabläufe lassen sich auch die Männer einbinden. Dadurch bekommen sie nicht das Gefühl, ausgeschlossen zu werden und können ebenso wie ihre Frauen zum Lebensunterhalt der Familien beitragen.

 

 


Der Geldbeutel wird etwas voller, der Magen muss nicht mehr knurren, wenn das Geld wenigstens für drei Mahlzeiten am Tag ausreicht. Und die Kinder können sich endlich darauf konzentrieren, das zu tun, was jedes Kind tun sollte: zu spielen und zu lernen. Damit sie einmal eine bessere Zukunft haben als ihre Eltern.

 

 

Möglich gemacht haben das Ihre Spenden. Herzlichen Dank!

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