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Billig-Schulen für die Armen – Individuelle Förderung für die Reichen

April 16, 2018

 

 

Nitya Bal Vikas Deutschland e. V. hat mit zahlreichen nationalen und internationalen Organisationen einen Aufruf an Investoren der „Budget-Schulen-Kette“ Bridge International Academies unterzeichnet. Die Beweggründe möchten wir hier offenlegen.

 

Das Konzept von Bridge International Academies und anderen „low-cost“ Privatschulen ist einfach: Das Lernen wird durch massiven Einsatz von Technologie bis hin zu ins Detail vorgeschriebenen Unterrichtseinheiten standardisiert, die damit auch von nicht ausgebildetem Lehrpersonal abgehalten werden können. Durch den Einsatz von Technologie wird zugleich die Überwachung erhöht. Die zentralen Server erfassen, ob und wann sich Lehrpersonal einloggt und ob sie in den Unterrichtseinheiten „weiterblättern“. Besucht werden diese Schulen von den ärmeren Bevölkerungsschichten. Für die ganz Armen sind die Schulen zu teuer, die etwas Wohlhabenderen bevorzugen dann doch individuelle Förderung in besser ausgestatteten Privatschulen.

 

Auch in der deutschen Presse gab es zunächst eine relativ ambivalente Berichterstattung (siehe z. B. Süddeutsche Zeitung). Einerseits sind die Investoren und Betreiber dieser Ketten natürlich am Profit interessiert – etwas, das der Vorstellung von Bildung als öffentliches Gut entgegensteht. Andererseits, so die Argumentation, würden die Eltern in Uganda, Kenia oder Indien diese Schulen ja freiwillig wählen – weil sie die bessere Alternative zu dysfunktionalen staatlichen Schulen seien. Auf wenig Gegenliebe stießen die Schulen erwartbar bei den Gewerkschaften der Lehrer, aber auch bei zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Dagegen kamen Zuspruch und Investitionen aus dem Silicon Valley und einer Reihe neo-liberaler und konservativer Think-Tanks.

 

Unsere Vereinstätigkeit beschränkt sich auf Indien. Jedoch ist die globale, neoliberale Bildungsreformbewegung international gut vernetzt. Untersucht man die Netzwerke hinter der Entwicklung, stößt man auf eine Reihe einschlägig bekannter Organisationen und Firmen wie etwa die Melinda & Bill Gates Foundation, die Stiftung von Mark Zuckerberg, die Templeton Foundation, die Finanzindustrie und andere Akteure (siehe dieser Artikel sowie die Investoren von Bridge International Academies), die sich weltweit für einen Rückzug des Staates aus allen Bereich stark machen. Dabei setzt man strategisch auf eine breite Allianz aus Akademikern, Konzernen, Eltern, die sich für mehr Wahlmöglichkeiten aussprechen, sowie Think-Tanks und Lobbyorganisationen, die teils aggressiv die Agenda vorantreiben.

 

 

 

Zunächst wissen wir aus unserer Arbeit im ärmsten indischen Bundesstaat Bihar, wo wir staatliche Schulen unterstützen, von allen Schwierigkeiten, die es in diesem Bereich gibt. Auch wir wissen, dass Lehrer oft nicht unterrichten, das staatliche Schulen oft schlecht ausgestattet sind und es am politischen Willen fehlt. Nur: Welche Lehre ziehen wir aus diesen Erkenntnissen? Und: Löst Privatisierung diese Probleme?

 

Objektiv sind die Behauptungen der privaten Bildungsindustrie über bessere Unterrichtsqualität kaum haltbar. Dass das Niveau der Schülerinnen in Privatschulen höher ist, hängt damit zusammen, dass die Kinder aus anderen Gesellschaftsschichten kommen. Ihre Eltern können oftmals Lesen und Schreiben und haben das nötige Kleingeld, um ihren Schützlingen private Nachhilfe außerhalb der Schulen zu finanzieren. Finden diese sozioökonomischen Unterschiede Berücksichtigung, so schrumpfen die Unterschiede in den Leistungsniveaus erheblich oder sind gar völlig verschwunden.

 

Warum sind die Budget-Privatschulen in der Lage, Bildung billiger anzubieten? Kritiker sagen, das liege vor allem daran, dass Lehrkräfte weniger Gehalt als in den staatlichen Schulen erhalten (vgl. Guardian-Artikel). Ein Großteil der Bildungsausgaben an Grundschulen sind die Gehälter von Lehrkräften. Stellt man schlecht ausgebildete Laien an, die fertig geschriebene Unterrichtseinheiten vortragen, kann man Geld sparen. Das Fehlen von Gewerkschaften erlaubt es, die Löhne niedrig zu halten.

 

 

Doch ist das nicht besser als dysfunktionale staatliche Schulen?

Der Narrativ, der von den Lobbyorganisationen der Privatschulen gerne verbreitet wird, ist der, dass die Gegenseite (vor allem Lehrer-Gewerkschaften) sich gegen jede Reform sträubt, weil sie Privilegien verteidigen will. Dieser Narrativ ist falsch. Die Gewerkschaften wie auch wir drängen auf Reformen, jedoch mit einem Fokus auf bessere Qualität und mehr Bildungsgerechtigkeit. Völlig ignoriert werden dabei die Erkenntnisse der unabhängigen Wissenschaft, die deutlich zeigen, welche Rezepte für eine bessere Bildung für alle Kinder geeignet sind.

 

Zunächst soll hier jedoch mit einem Mythos aufgeräumt werden: die Art der hoch standardisierten Budget-Schulen erlaubt keine individuelle Förderung. Bildung ist nicht gleich Alphabetisierung. Bildung bedeutet auch das Erziehen der Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern, die hinterfragen, kritisch denken und kreativ sind. Dafür sind standardisierte Budget-Schulen nicht gemacht. Ein öffentliches Bildungssystem ist dazu grundsätzlich in der Lage. Dass es dies derzeit etwa in Indien nicht liefert, zeigt den Reformbedarf. Jedoch gehen standardisierte Budget-Schulen in die völlig falsche Richtung.

 

1. Die Qualität an Budget-Schulen ist nicht hoch.

Deshalb schickt die Mittel- und Oberschicht ihre Kinder auf andere Privatschulen mit gut ausgebildeten Lehrkräften.

 

2. Gebührengestützte Budget-Schulen erhöhen die Segregation.

Bildungsgerechtigkeit benötigt gebührenfreien Zugang zu gut ausgestatteten Schulen.

 

3. International vergleichende Studien zeigen, dass Privatisierung Bildungssysteme zerstört.

Ein Beispiel dafür ist Chile, dessen Bildungssystem unter der Militärdiktatur von Pinochet mithilfe der „Chicago-Boys“, Anhänger von Milton Friedman, privatisiert wurde. Die Folgen dieser Privatisierung sind bis heute spürbar.

 

4. Es gibt eine Alternative: die finnischen Reformrezepte.

Wohlwissend, dass es nicht möglich ist, finnische Zustände auf Indien, Kenia oder Uganda zu übertragen, so ist Finnland dennoch ein interessanter Gegenentwurf zum allgemeinen neoliberalen Zeitgeist. Finnland war nicht immer international an der Spitze. Der renommierte finnische Wissenschaftler Pasi Sahlberg hat dies in seinen zahlreichen Publikationen eindrücklich aufgezeigt. Durch eine Reihe von Reformen mit Fokus auf Bildungsgerechtigkeit konnte der Trend in Finnland umgedreht werden. Seither steht Finnland bei zahlreichen internationalen Vergleichen an der Spitze sowohl was Bildungsqualität als auch was Bildungsgerechtigkeit angeht. Zahlreiche Studien haben zudem belegt, dass beides Hand in Hand geht: hohe Bildungsqualität ohne Bildungsgerechtigkeit ist kaum zu erreichen.

 

 

 

Was aber wäre die Alternative? Wie könnte beispielsweise das indische Bildungssystem reformiert werden?

 

1. Fokus auf Zusammenarbeit statt Konkurrenz.

Anstatt einen Markt zu entwickeln, der Gewinner und Verlierer produziert, sollten Zusammenarbeit, Supervision, professionelle Vernetzung und Austausch gefördert werden. Es gibt zahlreiche Studien aus unterschiedlichen Disziplinen, die zeigen, dass dieser Ansatz zu besseren Resultaten führt.

 

2. Technologie ist kein Allheilmittel.

Die gesamte Diskussion, ob in Indien oder global, erweckt den Eindruck, dass standardisierte, fein-getunte Technologie alle Probleme lösen würde. Dass dies ein Trugschluss ist, wissen die Human- und Sozialwissenschaften schon lange. Das Behandeln von Menschen als Maschinen, denen man lediglich die richtige Software aufspielen muss, ist inhuman. Die gesamte Diskussion ist geprägt von Vertretern aus Ökonomie und Informationstechnologie, die wenig Wissen und Erfahrung im Umgang mit Systemen besitzen, die aus vielen irrational handelnden unabhängigen Akteuren bestehen.

 

3. Überwachung und professionelle Verantwortung sind Gegensätze.

Die Budget-Privatschulen setzen auf Überwachung mithilfe moderner Technologie. Jeder Schritt der Lehrkräfte wird vorgegeben und überwacht. Ganz anders in Finnland: Tests wurden weitgehend abgeschafft, Lehrkräfte erhalten Autonomie und Unabhängigkeit. Wie kann das funktionieren? Ganz einfach: Finnland überprüft sehr genau, wer Lehrkraft werden darf. Die Aufnahme in die begehrten Lehramtsstudiengänge erfordert nicht nur fundiertes Fachwissen, sondern auch die intrinsische Motivation wird abgefragt. Warum der Lehrerberuf? Es folgt eine lange und qualitativ hochwertige Ausbildung. Die Folge? Lehrkräfte an finnischen Schulen strahlen Sicherheit aus. Sie beherrschen ihren Stoff, sie wissen, wie man auch mit schwierigeren Schülern umgehen kann. Der Kontrast zu Indien könnte größer kaum sein. Selbst an staatlichen Schulen in Indien werden fast ausschließlich sogenannte Vertragslehrer angestellt. Im Bundesstaat Bihar benötigte man zeitweise keinerlei Studium oder weiterführende Ausbildung. Für weniger als 1 US-Dollar am Tag wurden Hilfslehrkräfte rekrutiert. So zerstört man Professionen. So bringt man Gewerkschaften gegen sich auf.

 

4. Schulen sind keine Burger-Ketten.

Um profitabel zu sein, standardisieren Budget-Schulen den Unterricht. Dabei sind es gerade die Kinder der Armen, die Kinder der Analphabeten, die es besonders schwer haben. Schulen sind für sie oft fremd, wie auch für ihre Eltern. Unterstützung, Hilfe, ein offenes Ohr, sozialpädagogische Fachkenntnis und Elternarbeit sind hier notwendig. Was im westlichen Diskurs eine allgemeine Erkenntnis ist, wird bei der Diskussion um die Schulen für die Armen des Globalen Südens oft vergessen. Doch auch hier gibt es zahlreiche Kinder, für die Schulen ein Ort der Erholung, des Kind-Seins, der Sozialisation, der Hilfe und des Kümmerns sein sollten. Das ist keine rosarot-naive Vorstellung von Waldorf-Pädagogen, sondern empirisch belegt. In den Burger-Ketten-Schulen von Unternehmen wie Bridge International Academies ist dafür indes kein Platz. Denn mit Kümmern kann man keine Dividenden ausschütten. Kinder, die Ärger machen, kosten. Kinder, die Ärger machen, schmälern den Profit. Wer also rational handelt, versucht, diese Kinder loszuwerden.

 

 

 

 

Zum Abschluss sollte man sich noch einmal eins vor Augen führen: Geht es wirklich um bessere Bildung? Um Chancen für Kinder? Um das Bereitstellen von Wahlmöglichkeiten?

 

Wir denken: Nein. Denn wenn Eltern wählen könnten, würden sie gut ausgestattete, kostenlose, öffentliche, nicht-profitorientierte, sich kümmernde, individuell fördernde und nichtdiskriminierende öffentliche Schulen bevorzugen.

Erst die Vernachlässigung und Unterfinanzierung der staatlichen Schulen eröffnete die Tür für profitorientierte Schulketten. Klar ist auch: Diese Privatunternehmen und Konzerne haben kein Interesse an gut funktionierenden öffentlichen Schulen. Viele der Konzerne haben große Geldbeträge darin investiert, ihre Steuerlast „zu optimieren“. Dieses Geld fehlt dann für bessere öffentliche Schulen. Dieser Zusammenhang ist wichtig. Zahlreiche Stiftungen und Think-Tanks versuchen zudem, Gesetzgebungsverfahren in ihrem Sinne zu beeinflussen. Gewerkschaften werden als reformunwillig diffamiert.

Doch was wollen wir als Gesellschaft? Wollen wir eine Ellenbogengesellschaft, in der man eben Pech gehabt hat, wenn man in die falsche Familie geboren wurde? Wollen wir Schulen wie Burger-Ketten für die Armen, die disziplinieren, die selektieren und Profit für ihre Investoren machen wollen?

Oder wollen wir eine empathische, eine solidarische Gesellschaft, in der jedes Kind zählt, in der Schulen mehr leisten, als Unterrichtsinhalte zu präsentieren, in der pädagogisch gearbeitet wird, in der ein offenes Ohr und Zeit ist, junge Menschen zu begleiten und zu unterstützen?

 

 

 

Wir sagen: Die indische, kenianische und ugandische Oberschicht hat Recht, wenn sie ihre Kinder auf Schulen schickt, die nicht standardisiert sind, sondern in denen gut ausgebildete Lehrer individuell fördern, in denen Eltern eingebunden werden und in denen Bildung und Werte vermittelt werden.

Wir sagen: Das verdienen auch die Kinder der Armen. Ihre Eltern jedoch können die horrenden Gebühren nicht bezahlen. Daher muss hier die Gemeinschaft für gleichwertige Startchancen sorgen. Instrument der Wahl ist hier eine vernünftige Besteuerung in den Ländern selbst und der politische Wille, die Ausgaben für Bildung, die in Indien gemessen an der Wirtschaftsleistung extrem niedrig sind, zu erhöhen.

 

 

Wir fordern daher alle Investoren, auch die Europäische Investitionsbank, die Weltbank sowie private Stiftungen und Unternehmen auf, ihre Investitionsstrategie zu überdenken. Wir fordern ferner das europäische Parlament und die Kommission auf, die Investition der Europäischen Investitionsbank zu thematisieren und zu verurteilen sowie international auf das Austrocknen von Steueroasen hinzuwirken. Zudem sollten alle europäischen Länder, inklusive Großbritannien, endlich Abstand davon nehmen, Privatisierungsexperimente in Globalen Süden durch Steuergelder zu unterstützen. Stattdessen fordern wir die Unterstützung des Aufbaus eines kostenlosen, staatlich finanzierten Bildungssystems, das zunehmend aus den eigenen Steuereinnahmen des Globalen Südens erfolgen muss.

 

Weitere aktuelle Entwicklungen können Sie hier verfolgen.

 

 

Bridge International Academies ist nicht der einzige Akteur. Das Netzwerk an Akteuren, die versuchen, Bildung im globalen Süden als eine neue Profitquelle zu erschließen ist breit. Weitere Informationen finden Sie in den angefügten Literaturempfehlungen:

 

Finnlands Erfahrungen: Parsi Sahlberg - Finnish Lessons: What the World Can Learn from Educational Change in Finland – Harvard Graduate School of Education.

 

Internationale Erfahrungen: Frank Adamson - Strategic debate - Privatization or public investment in education? - IIEP UNESCO.

basierend auf dem Buch: Global Education Reform: How Privatization and Public Investment Influence Education Outcomes. Routledge 2016. Vergleichende Studien von Chile vs. Cuba, US vs. Canada und Schweden vs. Finnland.

 

Netzwerke der neoliberalen Bildungsreformen:

Global Education Inc.: New Policy Networks and the Neoliberal Imaginary. Von Stephen J. Ball, Routledge 2012.

Advocacy networks, choice and private schooling of the poor in India. Von Geetha B. Nambissan & Stephen J. Ball.

Geetha Nambissan: Private Actors and Education for the Poor in India. Forum Transregionale Studien der Max Weber Stiftung.

 

 

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