Die Hintergründe zum Education Policy Institute of Bihar

Think Tank für das Recht auf Bildung

Große Probleme erfordern manchmal große Visionen. Der desaströse Zustand des staatlichen Bildungssektors in Indien führt dazu, dass jede Reform ganz gleich welcher Größe zu einer Herausforderung wird.

Durch den miserablen Zustand der öffentlichen Schulen schicken die Eltern aus der Mittelschicht ihre Kinder längst auf kostspielige Privatschulen. Die Folge: Eine Segregation des Bildungssystems. In den staatlichen Schulen bleiben lediglich diejenigen zurück, deren Eltern sich den Privatschulbesuch nicht leisten können – in der Regel sind es Angehörige niedriger Kasten oder der Dalits (sog. Unberührbare).

Um diesen unhaltbaren Zustand zu verändern, haben wir zusammen mit unserer indischen Partnerorganisation Prayatna einen Think Tank – also eine auf Schulbildung spezialisierte Denkfabrik – ins Leben gerufen: das Education Policy Institute of Bihar (EPIB). Dadurch möchten wir langfristig eine Verbesserung der Situation erzielen, die nicht nur einigen wenigen glücklichen Kinder hilft, sondern allen Kindern, deren Eltern sich den Besuch von Privatschulen nicht leisten können.

Die Hauptaufgabe des EPIB besteht darin, der Regierung Reformvorschläge zu unterbreiten sowie sie in der Umsetzung von bestehenden Regelungen und möglichen Reformen zu unterstützen. Neben dem Ausarbeiten von konkreten Reformvorschlägen betreibt das EPIB auch eine Art Lobbyismus im Namen der einfachen Bevölkerung.

Auch in Indien gibt es klare gesetzliche Regeln und Kriterien, die staatliche Schulen erfüllen müssen. Vorgeschrieben ist zum einen eine grundlegende Infrastruktur wie Toiletten für Jungen und Mädchen sowie Trinkwassereinrichtungen, zum anderen bestehen aber auch Anforderungen an die Qualifikation von Lehrkräften und die maximale Klassengröße. Die Realität in den Grundschulen ist indes eine andere. Weniger als zehn Prozent der Schulen erfüllen die gesetzlichen Regelungen – ein Armutszeugnis für eine aufstrebende Nation wie Indien.

Um diese Missstände effektiv anzugehen, zielt das Projekt auf eine Zusammenarbeit mit den zuständigen staatlichen Stellen ab, um lokale Lösungen für die jeweiligen Probleme zu finden. Die Idee ist nicht, westliche Erfolgsmodelle aus Deutschland und Europa nach Bihar zu transportieren. Vielmehr erfordern lokale Probleme lokale Lösungen – wir greifen daher auf Expertise vor Ort zurück. Anstatt vorgefertigte Lösungen unreflektiert einzusetzen, erarbeitet das EPIB mögliche Vorschläge in Zusammenarbeit mit den Akteuren des Schulsystems – Eltern, Kindern, Lehrkräfte und Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung.

Hierzu bedarf es auch eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses, weshalb ein wichtiger Teil der Arbeit des Think Tanks in der Vernetzung mit anderen Organisationen im Bildungsbereich besteht.

Hierzu bedarf es auch eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses, weshalb ein wichtiger Teil der Arbeit des Think Tanks in der Vernetzung mit anderen Organisationen im Bildungsbereich besteht.

Die Qualität der öffentlichen Schulen erhöht sich nicht von heute auf morgen. Vielmehr bedarf es für eine nachhaltige Steigerung der Lehrqualität vieler Verbündeter in den Schulen selbst, aber auch in der Zivilgesellschaft, in der Politik und in der Schulverwaltung.

Nur ein großes und starkes Netzwerk für das Recht auf Bildung kann in Zukunft die nötigen Veränderungen bewirken.

 

Vor diesem Hintergrund haben wir uns bewusst dagegen entschieden, über privat finanzierte Bildungseinrichtungen die Lücke zu schließen, die angesichts des Bildungshungers auch des finanzschwachen Großteils der indischen Bevölkerung klafft.

Private Initiativen mögen die Folgen des staatlichen Versagens im Bildungsbereich abmildern und einzelnen Kindern mithilfe guter Bildung einen Weg aus der Armut ebnen. Doch sie haben Nachteile: Sie nehmen eine Rolle ein, die die indische Verfassung dem indischen Staat zugeschrieben hat. Dadurch kaschieren sie die tieferliegenden Ursachen des Status Quo. Und sie schaffen neue Abhängigkeiten von ausländischen Geldern. Wer finanziert die spendenfinanzierte Schule, wenn dem Unterstützerverein plötzlich die Mittel ausgehen?

Auch wir haben monatliche Fixkosten für unser Projekt. Dennoch verringern wir die Abhängigkeiten, weil ein Aus unseres Projektes keine existenzbedrohenden Auswirkungen hätte. Gleichzeitig verfolgen wir einen nachhaltigen Ansatz, indem wir strukturell die Ursachen von Ungleichheit bekämpfen – und nicht mit kosmetischen Eingriffen versuchen, die Folgen abzuschwächen.

Was ist in diesem Kontext bereits geschehen?

In einer früheren Projektphase unseres Bildungsprojektes hat unser damaliger Projektleiter Dr. Vishwa Anand Informationskarten für die insgesamt neun Partnerschulen im Distrikt Muzaffarpur erstellt, auf denen die Mängel der Schulen aufgelistet sind.

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Nach dem Start im Juli 2018 hat die Denkfabrik ein größeres Handbuch veröffentlicht. Es befasst sich mit der Frage, wie sichergestellt werden kann, dass staatliche Gelder nicht irgendwo auf dem Weg in die Schule oder in der Schule verschwinden. Eigentlich sollen über den Einsatz dieser Gelder Komitees aus Elternvertretern demokratisch entscheiden – doch in der Realität kommt das Geld bei ihnen fast nie an.

Außerdem veröffentlicht das EPIB regelmäßig Beiträge zur aktuellen Debatte im Bereich der Bildungs- und Entwicklungspolitik. In einem Artikel für das indische Onlinemagazin „The Wire“ setzen sich unser 1. Vorsitzender Martin Haus und der ehemalige Leiter des EPIB, Rakesh K. Rajak, kritisch mit den sogenannten „zufallskontrollierten Studien“ (RCTs) auseinander. Die Ökonomen Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer haben für ihren Ansatz 2019 den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen. Haus und Rajak analysieren einerseits die Stärken dieser RCTs, legen aber zugleich dar, warum sie allein nicht ausreichend sind, um die strukturellen Ursachen für Armut und Ungleichheit zu bekämpfen. Der Lernnotstand an indischen Schulen lasse sich mit RCTs allein nicht beenden, schlussfolgern die beiden.

In einem anderen Artikel für „The Quint“ analysieren Haus und Rakesh neueste Untersuchungen zu den Leistungen indischer Schüler und stellen konkrete Forderungen für eine Verbesserung auf.

Warum es falsch ist, die Lösung für den Zustand des öffentlichen Schulsystems in Privatisierung zu sehe, erläutern beide in einem Blogeintrag. Zwar zeigen Untersuchungen in der Regel deutlich bessere Leistungen von Schülern privater Bildungseinrichtungen, allerdings ist dies vor allem auch darauf zurückzuführen, dass Kinder auf den Privatschulen häufig aus sozio-ökonomisch besseren Verhältnissen stammen und daher entsprechende Unterstützung ihres Elternhauses erfahren. Nicht die Schulen, sondern das Elternhaus erklären häufig also den Unterschied in den Leistungen der Kinder.

Ein Fokus des Instituts lag zudem auf den Abläufen in der Schulverwaltung. Ein besseres Verständnis der bürokratischen Strukturen ist unerlässlich, um das nötige Verständnis für zukünftige Reformvorschläge vorzuhalten.

Derzeit befindet sich das EPIB - auch im Zuge der weltweiten Corona-Pandemie - in einem Restrukturierungsprozess, in dessen Rahmen die zukünftige Ausrichtung geplant wird.

 

In einem rund fünfminütigen Video erläutert der ehemalige Institutsleiter Rakesh Kumar Rajak die Hintergründe des Education Policy Institute of Bihar:

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