Lern- und Hygienepakete für Grundschulen im ländlichen Bihar

Das öffentliche Schulsystem in Bihar gehört zu den unterfinanziertesten in ganz Indien. Unzureichend ausgestattete Klassenzimmer, eine zu niedrige Anzahl an Lehrkräften pro Schule, lange und kontinuierliche Fehlzeiten von Lehrkräften, schwache Kontrolle durch die zuständigen Behörden und nicht funktionierende Elternvertretungen sind nur die bekanntesten und offensichtlichsten Probleme des Schulsystems. Dadurch lernen die Kinder schon in normalen Zeiten mit regulärem Schulunterricht kaum etwas. Über 50 Prozent der Kinder auf öffentlichen Grundschulen sind sogenannte first generation learners, d. h. die ersten aus ihrer Familie, die überhaupt Lesen und Schreiben lernen. Unterstützung aus ihrem Elternhaus können sie daher nicht erwarten.

Diese Situation hat sich durch die aktuelle Corona-Pandemie verschärft. Infolge des landesweiten Lockdowns waren die Schulen in Indien seit März 2020 geschlossen. Dadurch sind viele Kinder komplett von Bildung abgeschlossen. Maßnahmen des Staates, mithilfe von Fernsehgeräten oder Online-Unterricht die Schulschließungen zu kompensieren, entfalteten für die Kinder aus besonders benachteiligten Elternhäusern keinen Nutzen. Viele von ihnen, gerade in den ländlichen Regionen Bihars, haben weder Zugang zu Fernsehern noch zum Internet. Häufig haben Familien nur ein Radio oder einfache Mobiltelefone ohne Internetzugang.

 

Jetzt öffnen die Schulen zumindest schrittweise wieder. Doch die Auswirkungen der Schulschließungen sind spürbar, wie eine aktuelle Studie zeigt: Über Monate waren viele Kinder komplett von Bildung abgeschnitten. Sie drohen in Kinderarbeit abzurutschen oder früh verheiratet zu werden. Von der Regierung angebotener TV- oder Online-Fernunterricht war für die meisten Kinder wegen fehlender Endgeräte nicht zugänglich. 

 

Zum einen ist die weibliche Menstruation weiterhin ein Tabuthema in vielen Gesellschaftsschichten Indiens, sodass ein offener Umgang hiermit in weiten Teilen der Bevölkerung nicht stattfindet und es häufig am notwendigen Wissen fehlt. Zum anderen fehlt vielen Mädchen auch der Zugang zu Damenbinden – oft schlicht deswegen, weil sie sich diese nicht leisten können. In der Folge verpassen Mädchen im Menstruationsalter in normalen Zeiten mit geöffneten Schulen durchschnittlich vier bis fünf Unterrichtstage im Monat. Auf das Jahr gerechnet verpassen sie so anderthalb bis zwei Monate Unterricht.

 

Die Projektidee

 

Wir planen mit unserer Partnerorganisation Prayatna, an Schüler*innen in mehreren öffentlichen Grundschulen in Bihar Lernmaterialien wie einfache Spiele zum Selbstlernen, Kinderbücher und einen Kalender mit verschiedenen Aktivitäten zu verteilen. So sollen sie beim Schulneustart oder etwaigen erneuten Schulschließungen Zugang zu Bildung erhalten. Außerdem soll vermieden werden, dass viele Schülerinnen und Schüler den Bezug zur Schule verlieren, was dazu führen könnte, dass sie dieser auch nach der Wiedereröffnung ihrer Schule fernbleiben.

 

Alle Schüler*innen erhalten dazu waschbare Gesichtsmasken aus Stoff. Die Mädchen der Jahrgänge 6 bis 8 (nach dem 8. Schuljahr endet die Grundschulzeit und damit auch die Schulpflicht in Indien) bekommen zusätzlich kompostierbare Menstruationsbinden.

 

Die Mitarbeiter von Prayatna werden bei der Verteilung auch Aufklärung hinsichtlich der Einhaltung von Hygienemaßnahmen, zur weiblichen Menstruation und nur Nutzung der Lernmaterialien betreiben.

Der Fokus des Projektes liegt auf älteren Grundschulklassen (Jahrgänge 6 bis 8), weil die Abbrecherquote nach der 5. Klasse am höchsten ist, vor allem bei Mädchen aus den genannten Gründen. Ein Grund hierfür ist die finanzielle Not der Familien, die die Kinder zum Arbeiten zwingt, , um Einkommen zu generieren. Je länger sie der Schule fernbleiben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr. Doch gerade diese Schuljahre sind der Grundstein für eine spätere Aus- bzw. Universitätsbildung.

Die Schulen und Dörfern, in denen das Projekt durchgeführt werden soll, werden durch den Bedarf an diesen Materialien ausgesucht. Hierzu wird Prayatna Behörden und Eltern- sowie Dorfvertreter konsultieren.

 

Produktion und Bezug der Damenbinden und Gesichtsmasken
 

Die Damenbinden werden von Frauen aus schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen im Rahmen einer Selbsthilfegruppe produziert unter dem Dach der Organisation “Aakar Innovations”. Dieses Sozialunternehmen ermöglicht es den Frauen, innerhalb ihrer Dorfgemeinschaften bezahlbare, vollständig kompostierbare und qualitativ hochwertige Damenbinden zu produzieren.

Insgesamt 30 bis 40 Frauen sind im Rahmen der gesamten Wertschöpfungskette tätig.

Damit einher geht eine Aufklärungskampagne unserer Partnerorganisation Prayatna zum Thema „Menstruation“ in Schulen und Dörfern.

 

Auch die Gesichtsmasken werden von lokalen, durch Prayatna unterstützte Selbsthilfegruppen produziert.  Diese Selbsthilfegruppen bestehen aus transsexuellen Personen, die auch in Indien diskriminiert werden und daher oftmals wenig Zugang zu Erwerbsarbeit haben. 

7a.jpg
IMG_7846.JPG
IMG_7766.JPG
36199902_935802616631003_774376776916166
IMG_7834.JPG
IMG_0512.JPG
Maske 2.jpg
Damenbinden.jpg