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Fünf Jahre Nitya Bal Vikas: Rückblick auf eine ereignisreiche Zeit

Berlin - Geprägt von ihren Erfahrungen aus einem einjährigen Freiwilligendienst in Indiens Hauptstadt Delhi trafen sich am 19. Juni 2015 in Berlin sieben Studentinnen und Studenten aus ganz Deutschland mit einem klaren Ziel: Neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit einzuschlagen.

Am Küchentisch einer kleinen Studenten-WG im Stadtteil Kreuzberg besiegelten sie den Startschuss für den Verein Nitya Bal Vikas Deutschand e. V.

Der Vereinssitz wurde ins niederbayrischen Pfeffenhausen bei Landshut gelegt.

Sechs der sieben Gründungsmitglieder


Jetzt, fünf Jahre später, blickt der Verein auf eine noch junge, aber schon bewegte Historie zurück.

Zunächst startete NBV nach einer Projektreise des Vorstandes um Martin Haus und Benjamin Scholz im Herbst 2016 mehrere Projekte zur Förderung und Unterstützung marginalisierter Bevölkerungsgruppen in Indien. 10.000 Kilometer legten die beiden Studenten auf der Suche nach geeigneten und vertrauensvollen Partnerorganisationen durch. Von den Slums und den Randgebieten Delhis ging es zunächst ins Rishi Valley im Süden Indiens, wo Haus und Scholz inmitten von Dörfern und Feldern mit Forschern eines Instituts über innovative Lernmethoden. Anschließend ging es in Indiens ärmsten Bundesstaat Bihar, zurück gen Süden in die stickige und laute Metropole Guntur im Bundesstaat Andhra Pradesh, bevor die Reise ihren Abschluss im malerischen Udaipur, der Hauptstadt des farbenfrohen, bei Touristen bekannten Bundesstaates Rajasthan fand. Dank guter Vorbereitung konnten sich Haus und Scholz trotz des sportlichen Programms einen guten Eindruck von den besuchten Organisationen und ihren Verantwortlichen machen.



Eine Projektreise quer durch Indien


Ausbildungsprojekt für indigene Frauen wurde zum vollen Erfolg

Im Anschluss an den Besuch in Indien führte NBV mit Shrushti Seva Samiti als Kooperationspartner ein Projekt zur Ausbildung indigener Frauen durch. Für 2.000 Euro lernten 20 Frauen aus einem kleinen Dorf in den Bergen um Udaipur für vier Monate nähen und schneidern. Anschließend integrierte Shrushti Seva Samiti die Frauen in ein bereits bestehendes Nähzentrum. Einen größer angelegten Plan für eine Produktion nachhaltiger Monatsbinden griff das zuständige Ministerium des Bundesstaats Rajasthan auf. „Das war natürlich ideal für uns, weil es genau unserem allgemeinen Ansatz entspricht, wonach wir staatliche Leistungen und Programme nicht ersetzen wollen, sondern vielmehr die bestehenden Strukturen optimieren wollen“, blickt Christine Radon, Gründungsmitglied des Vereins, zurück.



Zuvor hatte NBV im Januar und Februar 2017 bereits das „Project Sleep Well“ unterstützt. Freiwillige des Projektes verteilten kostenlos Schlafsäcke an Obdachlose auf den Straßen Delhis, denen im kalten Winter in Indiens Hauptstadt sonst der Tod durch Erfrieren gedroht hätte. Mit dem Geld von NBV konnte 157 Obdachlose versorgt werden.



Bildungsprojekt in Indiens ärmstem Bundesstaat

Nach der Projektreise begann parallel auch ein breit angelegtes Bildungsprojekt in Bihar, dem ärmsten Bundesstaat des Subkontinents. Zusammen mit indischen Partnerorganisationen arbeitet der Verein an einer strukturellen und langfristigen Veränderung des Schulsystems. Ein normaler Schulalltag ist in Bihars staatlichen Schulen in der Regel Fehlanzeige. Die Lehrkräfte sind schlecht ausgebildet, es fehlen geeignete Gebäude und Materialien. Bei einem Besuch von Vorstandsmitglied Martin Haus in einer staatlichen Schule in Bihar fiel sogar ein kleines Mädchen aufgrund der brütenden Hitze in Ohnmacht. Die Folge ist eine Segregation des Bildungssystems in diejenigen, die ihren Kindern irgendwie den Besuch einer kostenpflichtigen privaten Schule ermöglichen können und dem Rest der Bevölkerung. Arme Kinder – vielfach aus weiterhin diskriminierten Teilen der Bevölkerung – sind die letzten, die dem am Boden liegenden Schulsystem Bihars noch nicht den Rücken gekehrt haben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass viele kostengünstige Privatschulen oft kaum besser sind als ihre öffentlichen Pendants.



Dass es auch in Indien anders geht, zeigen Bundesstaaten wie das beliebte Reiseziel Kerala im Süden des Landes. Während der Human Development Index (HDI) im Jahr 2018 für Bihar vergleichbar mit dem von Ländern wie Kambodscha und Syrien war, kann sich Kerala mit Costa Rica und Albanien messen. Der HDI bildet den Wohlstand eines Landes oder einer Region ab, wobei Faktoren wie der allgemeine Lebensstandard, der Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung gemessen werden. Entgegen dem von vielen dort tätigen Hilfsorganisationen gezeichneten Bild ist der Bundesstaat Kerala also in vielerlei Hinsicht deutlich weiter in seiner Entwicklung als der Rest des Landes und sogar auf einem vergleichbaren Level mit einigen ärmeren europäischen Staaten.

Anders dagegen Bihar: Selbst nach 7 Jahren Bürgerkrieg dort ist Bihar immer noch auf einer Stufe mit Syrien. Doch eine langfristige Verbesserung der Situation erfordert strukturelle und nachhaltige Reformen im öffentlichen Sektor – und damit auch im Bildungsbereich. Während von Patenschaften und spendenfinanzierten nicht-staatlichen Schulen in der Regel wiederum nur einige glückliche Kinder und Familien, kann nur eine Veränderung des Systems an sich dauerhaft der Gesamtbevölkerung zugute kommen.

Die Bedeutung von Bildung für die Entwicklung von Kindern – Nitya Bal Vikas bedeutet auf Hindi „nachhaltige Kindesentwicklung“ – weiß die angehende Lehrerin Lisa Haberecht, die ebenfalls Mitgründerin von NBV ist, besonders zu schätzen: „Bildung ermöglicht es Kindern, sich weiter zu entwickeln und eine eigene Persönlichkeit zu bilden. Es unterstützt sie dabei, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.“


Ein neuer Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit

Mit zunehmender Projektarbeit setzte sich bei NBV die Erkenntnis durch, dass klassische Hilfsprojekte oftmals nicht im Sinne einer modernen und langfristig angelegten Entwicklungszusammenarbeit sind. Sie verstärken zum einen das Klischee des privilegierten Europäers, der vermeintlich rückständigen Indern finanziell hilft. Zum anderen ist auch die Nachhaltigkeit der Projekte fragwürdig: Sobald der deutschen Organisation die Projektgelder wegbrechen, werden Lehrkräfte arbeitslos und verlieren Kinder ihr schulisches Umfeld.

„In Indien ist das Recht auf Bildung bis zum Alter von 14 Jahren sogar in der Verfassung verankert“, erläutert Benjamin Scholz, Jurist und 2. Vorsitzender von NBV. „Nicht zuletzt dadurch bestätigt auch die Rechtslage, dass die Bereitstellung kostenloser und guter Bildung Aufgabe des Staates und nicht privater Initiativen ist.“

Doch viele Hilfsinitiativen aus Deutschland verkennen nicht nur diese Realität, ihre Kampagnen und öffentlich verbreiteten Informationen entsprechen häufig auch nicht der Wahrheit. „Wir sind etwa auf die Aussage gestoßen, dass Kinder nur über die privat finanzierte Schule eines deutschen Hilfsvereins überhaupt Zugang zu einem warmen Mittagessen haben und ohne finanzielle Hilfe keine Schule besuchen würden“, zeigt sich Martin Haus verwundert. „Das entspricht nicht der Wahrheit.“ Denn in jedem indischen Bundesstaat ist der Besuch öffentlicher Schulen bis zum Ende der achten Klasse kostenlos, außerdem erhalten die Kinder ein vom Staat finanziertes warmes Mittagessen. „Das sogenannte midday meal scheme ist eine der wenigen Sachen, die fast in ganz Indien funktioniert“, erklärt Haus. "Wenn den von NGOs betriebenen Privatschulen jetzt die Spenden wegbrechen, fehlt den Kindern dieses Mittagessen, weil sie eben nicht in den staatlichen Schulen angemeldet sind.“

Für alle anderen Mängel in öffentlichen Schulen lautet NBVs Devise: Nur tiefgreifende Reformen bringen Indiens Schulsystem nach vorne.

„Die Idee unseres Ansatzes hat sich im Laufe der Zeit durch umfassende Recherche und Forschung vor Ort sowie Gespräche mit indischen Experten entwickelt“, erzählt Haus, der an der renommierten London School of Economics and Political Science seine Masterarbeit zu diesem Themenbereich verfasste.

Doch wie kann ein Verein wie NBV dazu einen Beitrag leisten?


Lobbyismus der etwas anderen Art

Seit etwa zwei Jahren betreibt der Verein mit der indischen Partnerorganisation Prayatna eine Denkfabrik (ein sogenanntes Think Tank) in Bihars Hauptstadt Patna. Es erwuchs aus ersten Initiativen im Bundesstaat Bihar mit dem Ziel, die Lobbyarbeit der beiden Partnerorganisationen zu institutionalisieren. Das sogenannte Education Policy Institute of Bihar (EPIB) ist auch schon mehrfach mit konkreten Reform- und Verbesserungsvorschlägen in Erscheinung getreten.

Jüngst publizierte das Institut eine Serie von Blogartikeln mit konkreten Vorschlägen, wie mithilfe von öffentlich zugänglichen Radioklassen Millionen indischer Schulkinder im ländlichen Bihar auch in Zeiten von pandemiebedingten Schulschließungen nicht vollständig den Bezug zu Bildung verlieren. Wenig später kündigte die zuständige Bildungsbehörde genau ein solches Programm an – wenngleich es bislang noch immer nicht umgesetzt wird. „Das verdeutlicht das ganze Dilemma im öffentlichen Sektor in Indien“, resümiert Scholz.

Die bisher größte Veröffentlichung des EPIB befasst sich mit der Frage, wie sichergestellt werden kann, dass staatliche Gelder nicht auf dem langen Weg durch die Mühlen der Verwaltung verschwinden bis sie dort ankommen, wo sie benötigt werden. Eigentlich sollen über den Einsatz von Geldern für staatliche Schulen Elternvertreter und Schulleitung demokratisch entscheiden – doch in der Realität kommt das Geld bei ihnen oft sehr spät und bisweilen überhaupt nicht an. Und selbst wenn es ankommt, wird es oft nicht demokratisch über die Verwendung entschieden.

Durch solche Debattenbeiträge, aber auch viele Gespräche mit Mitarbeitern der Verwaltung, Eltern, Schüler und anderen Aktivisten und Experten ist die Denkfabrik also auf dem besten Weg, ein bedeutender Akteur in Bihar im Bildungsbereich zu werden. Auch international hat das EPIB bereits auf sich aufmerksam gemacht. Vor kurzem griff eine Veröffentlichung des UNICEF-Forschungsbüro mit Sitz in der italienischen Toskana einen der Blogartikel des EPIB im Zusammenhang mit der Pandemie auf.

Indische Lehrkräfte bei einer Diskussion


Über einen extra eingerichteten Fonds möchte NBV zukünftig kleinere Pilotprojekte finanzieren. Und auch weitere größere Projekte werden vereinsintern aktuell diskutiert und geplant. „Wir haben in den letzten fünf Jahren nie unser Ziel und unsere Überzeugung aus den Augen verloren“, zieht Gründungsmitglied Katharina Morath ein optimistisches Fazit.


Nachhaltiges Infrastrukturprojekt in drei staatlichen Schulen

Neben der oft unsichtbaren und mühseligen, aber enorm wichtigen Lobbyarbeit der Denkfabrik arbeiten die deutsch-indischen Partner stets auch an konkreten Teilprojekten unter dem Dach des Bildungsprojektes, die eine direkte Wirkung vor Ort in Bihar entfalten. Unter der Leitung von Dr. Vishwa Anand stattete NBV – unterstützt durch 2.000 € der Emil und Marianne Lux Stiftung aus Remscheid – drei öffentliche Grundschulen mit Ventilatoren, neuen Lampen und Bibliotheken aus. In einer Schule fanden außerdem Renovierungsarbeiten statt. Die simple Idee war auch hier, Gelder in ein bestehendes System fließen zu lassen, das anschließend nicht von NBV kostspielig aufrecht erhalten werden muss. Der ehemalige Leiter des EPIB, Rakesh Kumar Rajak, stattete den drei Schulen auch später noch Besuche ab, um sich einen Eindruck von der Nutzung der neuen Infrastrukturmaßnahmen zu verschaffen.



Bildungsarbeit: Unterstützung von Schülern für Schüler

Doch nicht nur in Indien, auch in Deutschland ist der Verein in Schulen aktiv. Denn auch die entwicklungspolitische Bildungsarbeit hat sich NBV auf die Fahnen geschrieben. Über Vorträge vor Schulklassen entwickelte sich von Beginn an eine vertrauensvolle Partnerschaft mit dem Clemens-August-Gymnasium Cloppenburg (CAG), der ehemaligen Schule von Vorstandsmitglied Benjamin Scholz, die in zwei erfolgreichen Spendenläufen 2016 und 2018 gipfelte. Beide Aktionen brachten zusammen über 10.000 € an Spendengeldern ein.

„Es ist einfach toll, so viel Unterstützung aus der Heimat zu erfahren und zu wissen, dass man sich auf das CAG verlassen kann“, freut sich Scholz.

Engagierte Schülerinnen und Schüler beim Spendenlauf 2016


Doch nicht nur am CAG, auch auf anderen Veranstaltungen oder bei Vorträgen informiert das Team von NBV über die strukturellen Probleme des indischen Schulsystems und die Vereinsarbeit. Ein Highlight im Vereinsleben war dabei die von Katharina Morath organisierte Solidaritätsparty im Dezember 2018 in Heidelberg. Dort entstand auch der Kontakt zum ersten indischen Vereinsmitglied.

Die Zahl der Mitglieder hat sich seit der Vereinsgründung 2015 auf 14 verdoppelt. Einen Großteil der Projektausgaben stemmt der Verein mithilfe vieler treuer Spenderinnen und Spender, die den Verein und seinen innovativen Ansatz teils seit Jahren unterstützen.


Weltweite Kampagnen gegen Privatisierungen

Viele Länder des globalen Südens haben ähnliche Schwierigkeiten wie Indien – der oft vorherrschende Trend hin zu mehr Privatisierungen verschlimmert die Lage weiter. Deswegen ist NBV auch auf globaler Ebene aktiv und lobbyiert im Zusammenschluss mit anderen Nichtregierungsorganisationen gegen Privatisierungsvorhaben, die häufig von potenten Geldgebern wie Institutionen der Europäischen Union (EU) oder der Weltbank finanziell unterstützt werden.


Online-Mitgliederversammlung gibt Startschuss für die nächsten fünf Jahre

Globale Herausforderungen warten also auf den Verein und seine Mitglieder – nicht erst seit der Corona-Pandemie. Indem schon vorher die Möglichkeit, Mitgliederversammlungen online durchzuführen, in der Vereinssatzung verankert wurde, zeigte sich der Verein gleichwohl der aktuellen Situation gewappnet. Für die über ganz Deutschland verteilten Mitglieder eröffnet sich dadurch die Chance der regelmäßigen und kostensparenden Teilnahme an der Entscheidungsfindung. Doch auch abseits davon treffen sich die aktiven Mitglieder seit einigen Monaten regelmäßig zum „digitalen Stammtisch“, um aktuelle Themen zu besprechen.

Am vergangenen Samstag diskutierten sie auf der Mitgliederversammlung vier Stunden lang per Videoschalte die Zukunft des Vereins und seiner Projekte. Der bisherige Vorstand um Martin Haus und Benjamin Scholz wurde ohne Gegenstimme wiedergewählt.



Und am Ende beschlossen die Mitglieder nicht nur die Fortsetzung des Bildungsprojektes, sondern verabschiedeten auch eine Agenda für die kommenden fünf Jahre. Eine Vision für das Bihar von morgen. Eine Vision für mehr Bildungsgerechtigkeit, der sie in fünf Jahren ein ganzes Stück näher gekommen sein wollen.



Wir haben auch ein Geburstagsvideo mit den Highlights der letzten fünf Jahre zusammengestellt:



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Am Südhang 8, 84076 Pfeffenhausen, Germany

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