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Sunitas erstes Kinderbuch

  • Autorenbild: NBV
    NBV
  • 24. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Pfeffenhausen - Sunita ist acht Jahre alt. Sie lebt in einem kleinen Dorf in Bihar, dem an Nepal angrenzenden Bundesstaat im Nordosten Indiens. Sunitas Dorf liegt in einem der am stärksten von regelmäßigen Überschwemmungen betroffenen Gebiete Indiens. Ihre Mutter Kamla arbeitet als Tagelöhnerin in der Landwirtschaft. Sie ist nie zur Schule gegangen. Sunita dagegen geht auf die öffentliche Grundschule im Dorf - in der sie in einer Klasse mit 60 Schülern von zwei Lehrkräften betreut wird. Ihre Schule hat keine Bibliothek.

Eines Tages kam Sunita nach Hause. „Sie las mir eine ganze Geschichte vor – jedes einzelne Wort. Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber ich konnte sehen, dass sie stolz war“, erzählt Kamla. „Das reicht mir.”

Das Buch hatte Sunita aus der Bibliothek des örtlichen Community Library and Career Development Centers (CLCDC), in der es neuerdings auch Kinderbücher gibt.



Finanziell unterstützt durch die Hilfsorganisation BILD hilft e. V. „Ein Herz für Kinder“ und die Emil und Marianne Lux-Stiftung aus Remscheid haben wir in Zusammenarbeit mit der indischen Nichtregierungsorganisation Pratham Books insgesamt weitere 268 CLCDCs mit Kinderbüchern ausgestattet. Bereits in der Vergangenheit hatten wir Kinderbücher für  CLCDCs bereitgestellt. Pratham Books ist für lebendige, kulturell relevante und pädagogisch fortschrittliche Kinderbücher bekannt. Jedes an ein CLCDC gelieferte Set an Büchern enthält 100 Titel, die ein sorgfältig zusammengestelltes Spektrum an Genres und Themen abdecken.

Die CLCDs hat die Regierung Bihars unter dem JEEViKA-Programm in 33 Distrikten des Bundesstaats eingerichtet. Dabei handelt es sich um öffentliche Lern- und Bildungszentren, die der Gemeinde gehören und von ihr verwaltet werden. Diesen Zentren fehlte vor allem eines, um zu echten Lernräumen für Kinder zu werden: Bücher.



Die Menschen vor Ort spüren den Unterschied. „Früher kam meine Tochter von der Schule nach Hause und hatte nichts zu lesen. Jetzt geht sie jeden Tag nach der Schule ins CLCDC. Sie hat angefangen, selbst Geschichten zu lesen – ich kann es kaum glauben“, erzählt die Mutter eines elfjährigen Mädchens aus dem Distrikt Bhojpur.

Bei einigen Kindern stehen auch naturwissenschaftliche Bücher hoch im Kurs, etwa beim zehn Jahre alten Chunna Ravidas. Auch er, Sohn von Eltern ohne Schulbildung, hatte zunächst Schwierigkeiten beim Lesen, konnte seine Lesekompetenz jedoch innerhalb kürzester Zeit verbessern.

Durch die Einbettung der Kinderbuchsektionen in die CLCDCs stellen wir die Nachhaltigkeit des Projekts sicher. Die aus öffentlichen Geldern finanzierten Einrichtungen sind nicht auf externe Spenden angewiesen, weshalb die mit Spenden- und Fördergeldern eingerichteten Bibliotheksecken nicht Gefahr laufen, ohne fortlaufende Finanzierung durch Spendengelder zu verschwinden. Als Teil der CLCDCs schaffen sie niedrigschwelligen Zugang zu Bildungsangeboten.



In Bihar leben über 130 Millionen Menschen, doch der Bundesstaat ist im innerindischen Vergleich beim Bildungsniveau oft Schlusslicht. Viele Haushalte besitzen keinerlei Bücher und Schulbibliotheken sind oft nicht vorhanden. Für Kinder in den ländlichen Dörfern ist ein Lehrbuch oft das einzige gedruckte Material, das sie jemals in den Händen halten werden. Öffentliche Schulen sind unterfinanziert und überfüllt, worunter die Unterrichtsqualität naturgemäß leidet. Privatunterricht, um diesen Nachteil auszugleichen, ist für die meisten Familien unerschwinglich. Nach der Schule gibt es für die Kinder häufig einfach keinen Ort, an den sie gehen können – keine Bibliothek, kein Bücherregal voll spannender Geschichten und erst recht keinen ruhigen Ort zum Lesen.


Mädchen und Kinder aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die als erste in ihrer Familie zur Schule gehen, sind von diesen Hindernissen am stärksten betroffen. Auch die zwölfjährige Rekha aus dem Distrikt Goplaganj hatte außerhalb der Schule kaum Zugang zu Büchern. Nach anfänglichem Zögern begann sie, immer mehr Bücher mit spannenden Inhalten zu lesen und später jüngeren Kindern die Geschichten weiterzuerzählen.



Damit ist Rekha bei weitem kein Einzelphänomen: Durch die neuen Kinderbücher entwickeln sich die Bibliotheken in den CLCDs zu einem regelrechten Treffpunkt vor Ort. Ältere Kinder lesen ihren jüngeren Geschwistern oder Nachbarskindern vor. „Die Kinder kommen sogar an Tagen, an denen kein offizieller Unterricht stattfindet, um gemeinsam zu lesen“, berichtet Archana Devi, eine Mitarbeiterin aus einem CLCDC im Distrikt Patna. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Devi ist eine sogenannte „Vidya Didi“. Hierbei handelt es sich um die jeweilige Leiterin des CLCDCs, die aus der örtlichen Frauenkooperative kommt.



Sonam, Vidya Didi im Distrikt Supaul, hat in ihrem CLCDC ein Ausleihregister eingeführt. Die Kinder können die Bücher für eine Woche mit nach Hause nehmen. Beim monatlichen „Märchenvormittag“ sitzen viele Eltern zum ersten Mal neben ihren Kindern, um vorgelesenen Geschichten zu lauschen. „Am Tag, als die Bücher ankamen, sind zwölf Kinder gekommen und für zwei Stunden geblieben“, erinnert sich Sonam. „Sie setzten sich einfach hin und fingen an zu lesen.“ Da habe sie gewusst, dass sich etwas verändert hat.



Wer unsere Projektarbeit mit einer Spende unterstützen möchte, findet mehr Informationen hier.

 
 
 

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